• Richard Hartge

Die Frucht und der Kern

An dem Tag wo ich diese Wörter schreibe steht der Aktienmarkt so hoch im Kurs wie lange nicht mehr. Es fühlt sich an als würde man entlang der Maximilianstraße (München) zur Stoßzeit flanieren.


Was macht man also wenn der Markt zu teuer ist? Richtig, man geht auf Schnäppchen-Suche. Gesagt, getan. Den Filter angeworfen und mit ein paar Kennzahlen (KGV unter 25, Dividendenrendite min. 1%, Brutto Marge >40%) hat man schon eine interessante Auswahl. Weil die ganze Welt gerade ein starkes Verlangen nach Chips hat, schaue ich in den Sektor für Halbleiter-Ausrüster und siehe da: Es gibt tatsächlich noch attraktiv bewertete Unternehmen, allen voran KLA Tencor Corporation.


Zwei Mausklicks später bin ich schon auf Ihrer Webseite. Der Reiter Company bringt mich zur Overview. Hier findet man alles was man hören möchte: Zukunftsmärkte (KI, Robotic, Autonomes Fahren, Weltraumerforschung, usw.), Weltweiter Technologie Marktführer, Expertise durch eigene Innovationen, Innovationen mit Fokus auf Time to Market und eine Übersicht (mit Bilder) der Chefetage. Es ist als wäre ich im Schlaraffenland.

Voller Enthusiasmus gehe ich schnell zum Reiter Products und die harte Realität holt mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Demut macht sich in meinem Wesen breit.


Wie um Himmelswillen will ich verstehen was die Geräte machen, wenn ich nicht einmal erahnen kann was sich hinter den Namen verbergen könnte? Selbst wenn ich Zeit für theoretisches Wissen über die Funktionalität der Geräte investieren würde. Was wäre der Nutzen? Könnte ich damit bessere Entscheidungen über meine Investments fällen? Vielleicht. Wäre der Return on Investment deswegen höher? Möglich wäre es. Vieles würde halt an meinem laienhaften Verständnis von Lichttechnik und Ingenieurskunst hängen.


Hier öffnet sich eine Realität die sich jeder Investor bewusst oder unbewusst stellen muss und findet sich wieder in den Aussagen von Warren Buffett und Peter Lynch, wenn sie sagen: "Kaufe nur Aktien von Unternehmen die Du verstehen kannst"

(Wenn ich diese Aussage wörtliche nehmen würde, dann könnte ich nur in Klo-Papier Hersteller kaufen.)


Es ist immer wieder erstaunlich wie Tiefsinnig die einfachsten Aussagen sein können. Bis vor kurzem glaubte ich es würde Ausreichend sein zu wissen, was ein Unternehmen herstellt, welcher Branche es angehört und wer im Management sitzt. Dann noch drei Mal mit dem Zauberstab über den Jahresabschluss gewedelt und Abrakadabra ich verstehe das Unternehmen. Ergo investiere ich. Was also liegt der Sache als Problem zu Grunde?


Was wir als einzelne Investoren über die Gesellschaften am Aktienmarkt wissen können, wird immer unzureichend sein. Selbst die Profis orientieren sich an Modellen, Projektionen und setzen gezielt Analysten auf Unternehmen an. Neue Technologien setzen der Thematik den Hut auf wenn wir K.I. oder Machine Learning mit in den Ring werfen.

Wir aber wollen unser Geld selbst in die Hand nehmen und auf unsere Fähigkeit, Gerissenheit und Verstand vertrauen. Hierfür habe ich zwei Modus Operandi erkannt, die ähnlich wie eine Pfirsich aus der Frucht und Ihrem Kern eine Einheit bilden.


Der erste Modus findet sich auf natürliche Weise in unserem Wesen wieder, dabei vertrauen wir auf unser eigenes Bewertungssystem was eine Sammlung ist aus Berufs- & Lebenserfahrungen und unsere Individualität. Es ist unsere Sicht auf die Dinge und wie wir unsere Welt mit Bedeutung füllen. Je nachdem welcher Berufung man gefolgt ist, hat man einen Vorteil in der einen oder anderen Branche. Ich nenne es den Intrinsischen Modus.


Als Beispiel unterhielt ich mich jüngst mit einem Bauer über Traktoren. Ich fragte Ihn: "Wenn Sie heute einen neuen Traktor erwerben könnten, bei welchem Hersteller würden Sie einkaufen?"

Er antwortete mir: "Ich würde einen Traktor von New Holland nehmen."

Darauf fragte ich nach wieso ein Traktor von Deere & Co. nicht in Frage käme?

Seine Antwort überraschte mich: "Die Maschinen von John Deere haben weit mehr Features als ein Bauer wie ich gebrauchen kann. Die Gerätschaften sind für große Felder wie in Amerika ausgelegt. Dort können sie Ihr volles Potenzial zeigen, aber nicht hier im Alpenvorland."

Außerdem verriet er mir, dass der Kauf von einem neuen Traktor auch von der Anwesenheit und der Nähe zu einem Service-Center abhängig seie. Wenn man bei einem John Deere Traktor einen Defekt hat und 3 Tage auf den Service-Techniker warten muss sind das nicht unerheblichen Kosten für den Bauer. Dann nimmt man lieber ein Gerät von einem anderen Hersteller dessen Service Stützpunkt in der unmittelbaren Nähe liegt.


Ich als Teilzeit-Finanzblogger wäre nie auf diese Nuancen kommen können, hätte ich mich nicht mit dem Bauer unterhalten. Hier hat der Bauer offensichtlich einen Vorteil mir gegenüber.


Der zweite Modus kommt aus der Umwelt und was davon bewusst oder unbewusst auf unser Wesen einwirkt. Die alltägliche Erfahrungen offenbaren uns dabei Marken wie Apple, Google, Facebook, Puma, usw. in einem komplizierten Geflecht aus Informationen, Eindrücken, Ideen und Fakten. Ein wahrer Strom an Informationen und alles was dagegen hält ist unsere Sicht auf die Dinge. Natürlich kann man seinen Horizont ausweiten in dem man Lehrgänge für Betriebswirtschaft und Buchhaltung belegt. Allerdings überwiegt stets "was wir nicht wissen und verstehen können" zu dem "was wir wissen und verstehen können". Dies ist der Extrinsische Modus.

Als Schlussfolgerung könnte einer nun sagen: "Dann investiere ich nicht und behalte mein Geld für andere Sachen." Fair enough. Dennoch windet sich ein Pfad durch den dichten Wald.


Es ist fast wie reife Früchte vom Boden auflesen. Wie im Beispiel oben ist es häufig ausreichend ein Gespräch mit den Fachmännern und -frauen aus der Zielbranche zu führen. Durch den Austausch erfährt man Einsichten über Märkte und Marktteilnehmer die so wohl nie in einem Geschäftsbericht zu finden wären.


Wenn man nicht direkt eine Fachkraft in der Nähe hat, kann man auf Plattformen für Nutzererfahrungen ausweichen, wie zum Beispiel Trustradius. Erfahrungsberichte aus erster Hand von Spezialisten die mit Lösungen von großen Konzernen wie IBM, Snowflake, Salesforce, usw. arbeiten sehe ich für sehr wichtig an. Es ist als würde man ein Prüfsiegel vergeben.


Eine weitere Bezugsquelle von Außen sind Marktforschungsberichte. Leider ist es nicht immer leicht Zugriff aus solche Dokumente zu erhalten. Doch hin und wieder finden sich Exemplare verstreut im Internet. Als Beispiel gäbe es da den Top 100 Innovators 2021 von Calrivate(1). Hier heißt es zugreifen wenn sich die Gelegenheit anbietet.


So weit, so gut, somit hätten wir den Kern mit unserer Sicht auf die Dinge und die Frucht bestehend aus unserer Umwelt. Im Umgang mit unserer Umwelt verhalten wir uns dabei wie Kinder beim Schmetterling fangen: es gehen uns nur die schönsten Exemplare ins Netz. Doch wie führen wir beide Teile zusammen?


Ich glaube das können wir erreichen indem wir das Augenmerk auf die Unternehmenstätigkeit legen. Es gilt dabei zu verstehen wie das Unternehmen als ganzes funktioniert. Dabei geht es wie erwähnt weniger um Geschäftszahlen. Andere Faktoren zählen, wie: Produktionsstandorte, Vertrieb, Forschung & Entwicklung, Marketing und natürlich auch das Management. Schlussendlich ist ein Unternehmen nichts anderes als eine hohe Konzentration an menschlichen Handeln. Um diese Zusammenhänge zu verstehen benötigt es nur unsere Beobachtungsgabe und etwas Übung.


Soweit die Theorie. Wie gut ich meine Einsichten in die Tat umsetzen kann möchte ich mit einen kommenden Artikel zu Texas Instruments auf die Probe stellen.

Bis es soweit ist wünsche ich jedem Leser allzeit positive Kursentwicklungen. ;)


Zitate und Quellen:


(1) https://clarivate.com/top-100-innovators/