• Richard Hartge

Broadcom Inc. - Wer die Strippen zieht und was sie bewirken

Einführung:


Mal angenommen wir sitzen in einem ausgewählten Fast Food Restaurant und wollen unseren Freunden das neueste Katzen-Meme-Video auf YouTube zeigen. Wir zücken also unser Smartphone und verbinden es über das WLAN mit dem Internet, App geöffnet und das Video geladen. Während alle auf den kleinen flimmernden Bildschirm schauen findet im Hintergrund die Magie statt.


Jeder der Mal eine Folge von ´´Die Tricks der größten Zauberer´´gesehen hat weiß, dass hinter der Magie viel Genie und fachmännisches Wissen steckt. Ähnlich ist es in unserem Beispiel, denn ohne dem Wissen der Ingenieure bei Broadcom Inc. wäre vieles vielleicht nicht möglich. Zauberei passiert halt doch immer dort wo man nicht hinsieht.


Damit wir uns über süße Kätzchen amüsieren können sind eine Reihe von Datenverbindungen notwendig. Die Technologien dazu befinden sich im WLAN Modul für das Smartphone, im WLAN Router des Ladens und im Kabelmodem. Die Signale die wir durch das Öffnen der App senden landen dann bei Google in einem Datenzentrum. Ab hier sollte man das branchenspezifische Fachlatein beherrschen. Denn Wörter wie Switches, Fibre Channel, SATA Controllers und Storage Area Network, damit kann nur der Fachmann etwas mit anfangen.

Aber ohne diese Technik würde unser süßes Katzen-Video auf einer Festplatte irgendwo in einer riesigen Halle vereinsamen. Welch grausames Schicksal!

Dieses Beispiel soll der Veranschaulichung dienen und zeigen wie oft Produkte von Broadcom zum Einsatz kommen, ohne das wir davon etwas mitbekommen.


Management:


An seiner Spitze ist das Management seit den Anfängen mit Avago Technologies im Jahr 2005 bis heute unverändert. Gegründet wurde das Unternehmen durch einen Buyout der Chip Sparte von Agilent Technologies. Die damaligen Investmentfirmen Kohlberg Kravis Roberts & Co. und Silver Lake waren dabei Federführend. Als CEO wurde Tan Hock Eng bestellt. Damaliger Wert des Deals: 2.6 Milliarden US$.

Als im Jahr 2009 das Unternehmen an der Nasdaq gelistet wurde betrug der Marktwert bereis 3.5 Milliarden US$ bei einem Jahresumsatz von 1.68 Milliarden US$.

Zum Vergleich betrug Intels Marktwert 112.55 Milliarden US$ bei 35 Milliarden US$ Jahresumsatz. Seitdem kennt die Umsatzentwicklung nur eine Richtung: nach Norden.


Erzielt wurde dies nicht nur durch die hauseigenen entwickelte Produkte sondern auch mit Zukäufen oder Fusionen. In seiner Unternehmensgeschichte hat Broadcom bis jetzt sechs solcher Transaktionen durchgeführt. Den Anfang machte CyOptics Inc. im Jahr 2013, danach folgte LSI Corporation im selben Jahr, dann die Fusion Avago/Broadcom am 01. Februar 2016, es folgten Brocade Communications Systems in 2016, CA Technologies in 2018 und Symantec in 2019.


Im Rückblick erkennt man wie jede Transaktion dem Unternehmen etwas gegeben hat: eine festere Position im Zielmarkt, breitere Diversifikation in einzelnen Segmenten, Komplementarität zwischen Produkten, erhöhte Diversifikation durch die Ergänzung neuer Segmente.

Diese Leistung ist für meine Einschätzung dem Management unter Hock Tan zu zurechnen. Es hat Vision, Know How und Mut gezeigt und das Unternehmen zu dem gemacht was es heute ist.

Was ebenfalls für die Führung spricht ist die Leichtigkeit mit der man auf eine vollständige Präsentation der leitenden Angestellten nach Sparte und der Konzernführung zugreifen kann. Von der Startseite aus sind es zwei Klicks.


Intermezzo:


Wäre ich im Jahresbericht 2020 nicht selbst darüber gestolpert, hätte ich mir die Sache wohl nie angesehen. Worum es geht ist das laut Angaben zum 01.11.2020 etwa 63% der ca. 21.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung arbeiteten. Nicht jedes Unternehmen macht so genaue Angaben. Dennoch kann man nachsehen wie die Mitarbeiter über die Tätigkeitsbereiche verteilt werden. Hierfür eine Grafik:


(Quelle: Craft.com)


Auf die Gefahr hin das Offensichtliche zu schreiben, sollte der Anteil der Angestellten für den Bereich Technologie stets sehr hoch sein. Für den Tätigkeitsbereich Technologie liegt Broadcom im Vergleich zur eigenen Konkurrenz eher im Mittelfeld (Stand Juni 2021):

  1. Marvell Technology ca. 86%

  2. Qualcomm ca. 82%

  3. Intel Corp. ca. 75%

  4. NXP Semiconductors ca. 70%

  5. Cisco ca. 60%

Klingt für mich eher nach Window Dressing (Schaufenster schmücken) da ein direkter Vergleich zu anderen Unternehmen nicht wirklich aufgebaut werden kann.


Patente:


Trotz der erheblichen Menge an gehaltene Patente gibt es keine näheren Details wieviel Lizenz- und Nutzungsrechte zum Umsatz beisteuern. Hier hätte ich mir mehr Transparenz erhofft; wenn schon auf Seite 3 der Company Overview großspurig damit geworben wird. Zumindest erfährt man das umsatz- oder nutzungsbasierte Lizenzgebühren bei der Vergabe von geistigen Eigentum für den Kunden anfallen.


Worum es bei der Sache aber eigentlich geht, ist ein Statement abzuliefern: ´´Es ist einfacher und klüger mit uns zu arbeiten.´´ Denn eine Vielzahl der Patente sind Kinder jahrelanger Zusammen- & Entwicklungsarbeit mit OEM Partner. Dies bietet dem Unternehmen ein strategischen Vorteil, ja sogar eine Monopolstellung, wie erst von der FTC befunden wurde (1).


Kennzahlen:


Ach ja die Kennzahlen, ganz ohne geht es doch nicht. Wie jeder Investor habe auch ich ein paar Rahmenbedingungen die erfüllt sein sollten, damit eine Aktie in mein Beuteschema passt.

Welche diese sind, werde ich in einem zukünftigen Beitrag genauer eingehen. Bei Broadcom geben mir ein paar Zahlen zu denken. Doch zuerst eine kleine Übersicht:




Erstmal die guten Seiten: Ein steigender Umsatz mit Brutto-Marge über 50% kann sich sehen lassen. Hierbei liegt das Unternehmen im Vergleich zu Qualcomm und Marvell Technology in etwa gleich auf.

Wie schon auf der Company Overview groß Angekündigt sind die Ausgaben für Forschung & Entwicklung bei ca. 20% des Umsatzes angesetzt. Die Ausnahme macht das Geschäftsjahr 2018.


Jetzt kommen meine Warnsignale. Zwischen den Jahren 2018 bis 2020 ist der anteilige Goodwill(2) um 60% angestiegen. Dieser Anstieg ist auf die Zukäufe von Symantec und CA Technologies sowie Brocade zurückzuführen. Nun liegt es an der Führung von Hock Tan und seinem Management daraus Umsätze zu generieren oder es muss abgeschrieben werden. Für meinen Geschmack zu viel in zu kurzer Zeit.


Ähnlich verhält es sich mit der Verschuldung und der Zinslast. In den letzten drei Jahren wurde ein äußerst auffälliger Anstieg verzeichnet. Im Jahr 2019 kam eine Verdoppelung der Zinslast hinzu ohne dabei einen angemessen Anstieg des Umsatzes zu verzeichnen.

Hinzu kommen die fehlenden Rücklagen bei den Gewinnen. Das erweckt bei mir den Eindruck als ob, das Geld durch eine Drehtüre das Gebäude betritt und sofort wieder verlässt.

Ach ja das Nettovermögen 2020 stand bei -36.328.000.000,- US$, das könnte für zukünftige Kredite für Schwierigkeiten sorgen. Da die Schuldenaufnahme dann im wesentlichen davon abhängt Erträgsfähig zu sein.



Mein Fazit:


Als ich mit dem Research über Broadcom anfing, fühlte ich mich zuerst übermannt. Zu Umfangreich und zu Komplex erschien mir die Thematik. Dabei stand ich nur auf der Türschwelle. Viele der Produkte und Fachbegriffe waren mir komplett fremd. Damit ich einen Bezug zu den angebotenen Lösungen finden konnte habe ich viele Stunden auf YouTube verbracht. Hierbei eine Empfehlung wenn man die Sache vertiefen möchte: NetworkChuck.


Erster Punkt meines Fazits: Trotz intensiven Research bleibt das Themenfeld zu komplex, zu umfangreich und daher nicht leicht zu verstehen.


Nach dieser ersten Hürde ging der mühsame Weg weiter. Neben der Segmentierung für die Finanzberichte hätte ich mir ebenso eine Umsatzsegmentierung zu den Zielmärkten gewünscht. Dies hätte zu mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit führen können. Schon allein die Geschäftspartner zu finden war eine Sisyphus Aufgabe - diese stehen zu meist nur in den Event-Präsentationen.


Zweiter Punkt meines Fazits: Sowie das Unternehmen seine Darstellung in den Geschäftsberichten offenlegt liegt für mich das Augenmerk klar auf der Seite der institutionellen Investoren. Der Bezug zu Privat-Investoren fehlt leider.


Gut ist, dass die Geschäftsführung seit Gründung unverändert ist. Was Hock Tan in den vergangenen Jahren geleistet hat ist ein Meisterwerk. Hut ab!


Zu den Zahlen kann ich noch ergänzen: bitte den Teller nicht so voll! Für die Zukunft erwarte ich mir einen konsequenten Abbau der Schulden und das Bilden von Gewinnrücklagen.


Abschließend ist Broadcom kein Investment für mich. Durch die vielen Zukäufe befindet sich das Unternehmen in einem starken Wandel. Diese Umgestaltung muss zuerst sein Ende finden damit eine Investition in Frage kommen kann. Solange dieser Vorgang nicht abgeschlossen ist, habe ich kein Problem damit am Randstreifen auf meine Gelegenheit zu warten. Bis es soweit ist, wünsche ich dem Unternehmen und Herrn Hock Tan viel Erfolg bei Ihrer Arbeit.



Zitate:

(1) https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-07-02/broadcom-settles-u-s-monopoly-case-over-chip-components

(2) Der Goodwill entspricht dem Betrag, den ein Käufer als Ganzes unter Berücksichtigung zukünftiger Ertragserwartungen über den Wert aller materiellen und immateriellen Vermögensgegenstände nach Abzug der Schulden zu zahlen bereit ist. (Quelle: Wikipedia - Geschäfts- oder Firmenwert)




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